Der gescheiterte Kampf gegen Segregation
Die Elbe-Schule hatte lange einen schlechten Ruf, und er ist auch jetzt nicht der beste. Deshalb meldeten und melden "interessierte" Eltern ihre Kinder lieber gleich an anderen Schulen an.
Eine Elterninitiative hat versucht, den daraus entstehenden Teufelskreis zu durchbrechen. Ziel war es, so viele "interessierte" Eltern zu überzeugen, ihre Kinder an die Schule zu geben, dass es eine bessere Durchmischung der Schüler und damit sukzessive eine qualitative Verbesserung der Schule gibt. Zunächst war das auch erfolgreich, unglücklicherweise aber nicht nachhaltig. Denn erstens wurde die kritische Masse nicht erreicht, die einen Selbstläufer zur Folge gehabt hätte. Und zweitens braucht es mehr, als Eltern nur zu locken. Man muss sie auch halten. Das geht am besten mit Qualität.
Das erste Problem mit der Differenzierung
Anlässlich einer Selbst-Evaluation im Jahr 2005 wurde festgestellt, dass der Unterricht zu wenig differenziert sei. Im Jahr 2010 gab es einen weiteren Inspektions-Bericht, der zwar nicht mehr einsehbar ist, diesbezüglich vermutlich aber keine wesentliche Verbesserung auswies.
Denn im Schulbericht 2018 ging es wie in 2005 weiter. "Innere Differenzierung" und "Selbständiges Lernen" ernteten 2018 ein "D", die schlechteste Wertung.
Zitat aus dem Bericht: "Den im letzten Schulinspektionsbericht (2010) ausgewiesenen Entwicklungsbedarf haben die Lehrerer:innen nur insoweit aufgegriffen, als dass sie den Einsatz sprachsensibler Unterrichtsmethoden zwar konzeptionell festgelegt haben... ... aber nur selten in den Unterricht integrierten." Sprich: Es wurde aufgeschrieben, aber nicht gemacht.
Seit 2011, dem Jahr, in dem - wohl aufgrund der Inspektion 2010 - an der Elbe-Schule JÜL abgeschafft wurde, hat es trotz der schlechten Bewertungen im Jahr 2018 faktisch keinerlei Änderungen am Schulprogramm gegeben.
Leider konnte nicht nur ich persönlich feststellen, dass auch nach 2018 zumindest in Teilen das Unterrichtsprofil faktisch verharrt war. Unser Sohn fand die Schule von Anfang an "langweilig", er beklagte, dass er nicht wisse, wofür er dieses und jenes lerne. Nach wie vor schafft die Schule es ganz offensichtlich nicht, ausreichend zu differenzieren. Und das bei Klassenstärken von nur 13-14 Schülern.
Der Vater eines Schulkindes der dritten Klasse berichtete mir, dass ihm gesagt wurde, es bliebe nicht genügend Zeit, um seinem Sohn im Unterricht gerecht zu werden. Es gäbe Kinder, die viel mehr Förderbedarf hätten. Auch wir hatten das schon so gehört. Man müsse sich zuerst um die "Low-Performer" kümmern.
Das zweite Problem mit der Differenzierung
Eine Schule, die mit einer Elterninitiative aktiv gegen Segregation kämpft und dadurch ein besonders heterogenes Spektrum an Schülern befördert, handelt sich natürlich auch erhöhte Anforderungen an die Differenzierung ein. Aber nicht nur im Unterricht.
Wenn man Eltern mit einem Fassaden-Schulprogramm oder in Tag-der-offenen-Tür-Werbe-Gesprächen eine Schule als "ist besser als man sieht" schön redet, um sie "gegen die Segregation", in die Schule zu locken - das geht bei Bildungsbürgern ja ganz gut -, dann bringt das im Falle des Erfolges einen weiteren Differenzierungs-Spagat mit sich: Den mit den heterogenen Eltern. Denn gerade das bildungsaffine Bildungsbürgertum erwartet von der Schule, der sie ihr Vorschuss-Vertrauen gegeben hat, Transparenz, Ehrlichkeit, Partizipations- und damit auch Interventionsmöglichkeiten.
Es geht also um zwei unterschiedliche Differenzierungsanforderungen: Schüler- und Eltern-Differenzierung.
Eine Schulleitung, eine Elterninitiative und ein Vorstand der Elternvertreter, die das nicht ausreichend bedenken und nicht konsequent danach handeln, handeln sich zwangsläufig Probleme ein.
Dass Schönreden nicht reicht, das zeigt der vollkommen unterschiedliche Erfolg der Elterninitiativen der Karlsgarten- und der Karl-Weise-Schule: die eine erfolgreich, die andere nicht.
Ein Plädoyer für mehr Segregation Spezialisierung
Wenn Eltern-Differenzierung nicht geleistet wird, schadet das zwar nicht der Unterrichtsqualität, aber recht schnell auch dem Ruf der Schule. Weil die Schule den Eltern damit nämlich zeigt, dass sie die Heterogenität, die sie selbst eingefordert hat, gar nicht bedienen kann, oder noch schlimmer, gar nicht bedienen will. Ein Fehler im Konzept.
Das Verfahren der Elbe-Schule mit ihrem heimlichen Vorgehen zeigt, dass sich die Elbe-Schule auch im Bezug auf die Eltern-Differenzierung an den "Low-Performern", den "nicht Interessierten" orientiert. Die "High-Performer", die bildungsaffinen Eltern, kommen dabei unter die Räder. Genau wie ihre Kinder.
So wie JÜL der Elbe-Schule eher geschadet als genützt hat, so schadet der Elbe-Schule auch der gute gemeinte Kampf "gegen die Segregation", vor allem, weil er längst gescheitert ist.
Die Schulleitung der Karl-Weise-Schule hatte den Kampf von Anfang an und richtigerweise als Störung und eine Gefahr für die soziale Gerechtigkeit erkannt. Sie hat die Elterninititive deshalb nicht unterstützt. Die Karl-Weise-Schule spezialisierte sich stattdessen voll auf schwächere Schüler. Dort resultierte das richtigerweise im Ende der Elterninitiaive. An der Elbe-Schule lebt sie als Zombie weiter. Und verursacht lauter Kollateralschäden. An Lehrern, Eltern, Kindern.
Man sollte akzeptieren, dass die Elbe-Schule eigentlich eine Karl-Weise-Schule ist. Es ist an der Zeit, den durch den Kampf gegen Segregation entstehenden Dauerdruck zur Differenzierung nicht nur in JÜL, sondern auch in der Elternschaft jetzt aufzugeben.
Auch die schöne, von uns herbeigewünschte Vermischung der "Klassen", "Ethnien", "sozialen Schichten": vor allem heiße Luft.
Mein Bildungsbürger-Sohn spielte nahezu auschliesslich mit Bildungsbürger-Kindern. Das lag vor allem daran, dass er mit den meisten anderen ganz einfach nicht so viel anfangen konnte. Der Pool der infrage kommenden war extrem überschaubar. Und er wurde immer kleiner.
Segregation Spezialisierung hat eine Menge Gutes! Lehrkräfte müssen nicht mehr ständig spagatieren. Methodik, Material und Tempo können auf ganze Klassen zugeschnitten werden. Kein Othering in den Klassen. Die Schwachen gewinnen und die Starken verlieren nicht mehr.
Eine Schule, die als gute Einzugsschule funktioniert und die sich zur einer echten Experten-Schule nur für die sie umgebende, herausfordernde Schülerschaft aufbaut, hat letzten Endes mehr Chancen, auch der Segregation entgegenzuwirken.
Inzwischen wandelt sich, langsam zwar, der Ruf der Karl-Weise-Schule. Weil man durch Spezialisierung ein insgesamt höheres Leistungsviveau erreicht hat. Wer weiß, vielleicht performen die "Low-Performer" der Karl-Weise durch die Ihnen zugute kommenden Maßnahmen inzwischen besser, als die "Low-Performer" der Elbe-Schule? Das beste, was einer Schule passieren kann, ist, dass sie von innen heraus besser wird.
Letzten Endes geht es um pädagogische Ehrlichkeit. Für die Elbe-Schule ist Segregation Spezialisierung in der jetzigen Situation eher wünschenswert.
Es ist an der Zeit, vom toten Pferd abzusteigen. Schluss mit Blenden und Verschweigen! Schluss mit Fassaden und Heimlichkeiten. Ehrlichkeit ist besser, für alle. Vor allem aber für die Kinder.
